Der Arzt: Aufzucht und Hege

Wer darf? Die Auswahlkriterien
Drangvolle Enge: das Studium
Die Ochsentour zur eigenen Praxis
In Saus und Braus: die eigene Praxis

 
 

Der Duft der Wissenschaften...
Nicht zu fassen, ein Studienplatz! Der Medizinmann in spe blickt am ersten Tag erwartungsfroh den großen Hörsaal hinab und stellt fest, daß er nicht alleine ist. Hunderte putzmunterer Mitstreiter - nein, nicht alle mit roten Bäckchen und Seitenscheitel - sitzen dort Seit' an Seite. Artig lauschen sie einem Männlein mit Mikrophon um den Hals vor einer riesigen Leinwand, weit unten vor den steil ansteigenden Sitzreihen. Bildprojektoren surren, sonst akademische Stille. Es duftet nach Wissenschaft und hehren Geheimnissen.

... und die Enge in der Uni
Wer gerade noch die Schulbank drückte, ist jetzt bewaffnet mit Block und Bleistift und saugt gläubig jedes Wort in sich auf. Später, in den Seminaren und Kursen werden sie einander auf die Zehen treten, um sich am Ende doch mit hoffnungsloser Überfüllung zu arrangieren. Zwar beherrscht solidarische Aufbruchstimmung die Szenerie, doch schnell lernt manch einer die Überzeugungskraft seiner Ellenbogen schätzen. Wie im richtigen Leben.

 
 

Erst der Tod, dann das Leben
Bevor der erste lebendige Patient zu sehen sein wird, vergehen mindestens zwei volle Jahre. Zuvor stehen Grundlagenfächer wie Anatomie, Physiologie, Chemie und Biochemie auf dem Programm. Eifrig zerlegen die Arztlehrlinge ihre Leichen und experimentieren mit Fröschen. Im Physikkurs werden Stromkreise geschlossen und in Chemie blaue Flüssigkeiten in rote verwandelt. Wer keine naturwissenschaftliche Ader hat, läuft Gefahr, schon jetzt für immer zu scheitern.

Echte Menschen nur mit Sicherheitsabstand
Auch wer tatsächlich glaubt, nach bestandener Vorprüfung am Ende des vierten Semesters beginne endlich die Reise in die Welt der Medizin, wird abermals enttäuscht. Schon jetzt einen lebenden Menschen aus weniger als einigen Metern Entfernung zu sehen, das wäre wirklich zuviel verlangt. Dafür bleibt schließlich nach dem Studium genug Zeit. Stattdessen formt sich der Nachwuchs zu einer weißen Wolke und folgt - das Stethoskop in der Kitteltasche - dem Herrn Professor von einem Krankenhausbett zum nächsten, seinen Erläuterungen da vorne aufmerksam lauschend. So erkunden die Neulinge nacheinander die wichtigsten medizinischen Disziplinen - aus todsicherer Entfernung. Anders allerdings geht es beispielsweise im Kurs der Frauenheilkunde zu. Dort hat jeder Student seine eigene Patientin - wenn auch nur aus Plastik und Elastik. Geburten lassen sich schmerzfrei und risikolos mit diesen Gummipuppen trainieren.

 
 

Praktisches Jahr: praktisch kein Geld zum Leben
Doch Sorgenfalten sind unbegründet: Erfahrungen mit der Wirklichkeit sammelt der Student in den vorgeschriebenen Praktikumszeiten während der Semesterferien und des gesamten letzten Studienjahres, Praktisches Jahr genannt, kurz: PJ. Dann entscheidet ganz und gar das persönliche Engagement, ob der angehende Mediziner den Wagen mit den Krankenakten beaufsichtigt oder - es soll sogar schon vorgekommen sein - unter Anleitung eines Oberarztes einen richtigen Patienten versorgt.

Büffeln für die fünf Buchstaben
Vor lauter Praxis nicht zu vergessen sind die Examen. Inklusive Vorprüfung sind es vier an der Zahl. Sitzfleisch braucht der Studiosus dafür, zum Büffeln vor dem Stichtag. Und das Talent, den richtigen Buchstaben zu finden. Denn die Welt gliedert sich in diesen Prüfungen in Antwortvorschläge von A bis E. Im Fachjargon wird diese Technik liebevoll „Multiple Choice” genannt, was keine Krankheit ist, sondern schlicht so etwas wie „Mehrfach-Auswahl” sagen will. Wer möglichst oft den richtigen Buchstaben trifft und mit ihm die Lösung, macht hier das Rennen.

 

Aus dem Katalog der Prüfungsfragen:


Welcher Befund ist im Falle von "Ertrinken in Süßwasser" nicht zu erwarten?

( A ) Gefrierpunktserniedrigung des Blutes aus dem linken Herzen
( B ) Hämodilution
( C ) Paltaufsche Flecke
( D ) Schaumpilz
( E ) Emphysema aquosum

Das Vorhandensein welcher Hormone im Serum ist für Galaktogenese und Galaktokinese von Bedeutung?

(1)
Plazentares Östrogen
(2)
Plazentares Progesteron
(3)
HPL (HCS)
(4)
Prolaktin
(5)
Oxytocin
(A)
nur 3 und 5 sind richtig
(B)
nur 4 und 5 sind richtig
(C)
nur 1,2, und 5 sind richtig
(D)
nur 2,4, und 5 sind richtig
(E)
1 - 5 = alle sind richtig
 

Natürlich zählt bei den Prüfungsfragen mit den magischen fünf Antwortmöglichkeiten nicht allein das nackte Wissen. Es lauern auch Fallen und Stolperdrähte, will doch so manche Spitzfindigkeit in der Formulierung der Fragen enttarnt werden.

Finten in den Prüfungsfragen
In monatelangen Marathonsitzungen trainieren die Jungmediziner deshalb das Lösen solcher Fragen und probieren sich an alten Examina. In mancher Wohngemeinschaft geht die Mär, der Mitbewohner, ein Medizinstudent, habe auf die Frage, „Noch'n Kaffee?” nur Antwortbuchstaben von „A” bis „E” gemurmelt. Unzulässig ironisch ist der Vorschlag einer Studentenzeitung, die modernen Patienten sollten später ihren noch jungen Ärzten ihr Leiden verpackt zu jeweils fünf Antwortvorschlägen präsentieren.

Medizinprüfungen per Computer
Der Vorteil dieses Systems liegt allerdings auf der Hand. Wo von fünf Antworten nur eine richtig ist, braucht niemand zu diskutieren und der Computer übernimmt die Auswertung. Schade nur, daß Studenten mit weniger Sitzfleisch, falscher Lerntechnik, aber auch Menschen anderer Muttersprache (wegen der sprachlichen Spitzfindigkeiten), mit einem Klotz am Bein ins Rennen gehen. Bei der ersten Prüfung wandelt ein Teil der Kandidaten dann ihren Berufswunsch und widmet sich fortan der Betriebswirtschaft oder der Rentierzucht. Oder wird doch Lokomotivführer. Auf den glücklichen Rest allerdings wartet - nach ungefähr sechs Jahren Studium - das letzte Staatsexamen, zwar wiederum mit Ankreuzfragen, doch obendrein folgen Fragen direkt von Mensch zu Mensch, von Professor zu Student.

Am Ende: Fragen von Mensch zu Mensch
Vom alten Professor Sauerbruch wird überliefert, daß er diese letzte große Prüfung immer im hinteren Abteil seiner chauffeurgelenkten Limousine abgehalten habe. Wer von den Studenten durchfiel, mußte bei Wind und Wetter aussteigen. Den jeweils erfolgreichen Kandidaten erwartete dagegen wohlfeiles Gebäck am gedeckten Tisch von Frau Sauerbruch. Kaffee und Kuchen beim Herrn Professor sind selten geworden, was zumeist die Freude über das bestandene Examen nicht schmälert.

Und dann: ein neuer Arzt
Fortan ist das Land um einen Arzt reicher. Und der unterwirft sich - auch wenn er ihn niemals aufsagt oder unterschreibt - dem ärztlichen Eid. Ursprünglich soll dieser Schwur auf den griechischen Arzt Hippokrates (um 460 bis 370 v.Chr.) zurückgehen. 1948 aber faßte der Weltärztebund diesen Schwur neu und so wandelte sich der „hippokratische Eid” zum „Genfer Gelöbnis”. Aber keine Sorge, die Formel beschreibt lediglich den amtlichen Ethos; Verpflichtungen entstehen daraus nicht.

 

Der Eid des Hippokrates / Genfer Gelöbnis

„Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Stand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben. Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein. Ich werde alle mir anvertrauten Geheimnisse wahren. Ich werde mit allen meinen Kräften die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Standes aufrechterhalten und bei der Ausübung meiner ärztlichen Pflichten keinen Unterschied machen, weder nach Religion, Nationalität, Rasse, noch nach Parteizugehörigkeit oder sozialer Stellung. Ich werde jedem Menschenleben von der Empfängnis an Ehrfurcht entgegenbringen und selbst unter Bedrohung meine ärztliche Kunst nicht in Widerspruch zu den Geboten der Menschlichkeit anwenden. Ich werde meinen Lehrern und Kollegen die schuldige Achtung erweisen. Dies alles verspreche ich feierlich auf meine Ehre.”

  Brisanz im ärztlichen Eid
Schön, nicht wahr? Mit Zündstoff darin allerdings. Der Arzt darf tatsächlich keinen Unterschied machen zwischen den Patienten, auch nicht nach sozialer Stellung. Doch die privatversicherten Patienten, die sozial etwas besser gestellten, werden heftiger umsorgt, schließlich tragen sie mehr Honorar ein (Klassengesellschaft). Von dem versteckten Abtreibungsverbot („jedem Menschenleben von der Empfängnis an...”) wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Eine Verordnung, dieses Gelöbnis in der Praxis an die Wand zu hängen wie das Jugendschutzgesetz in der Kneipe, existiert übrigens nicht.
 

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