Der Arzt: Aufzucht und Hege

Wer darf? Die Auswahlkriterien
Drangvolle Enge: das Studium
Die Ochsentour zur eigenen Praxis
In Saus und Braus: die eigene Praxis

 
 

Das Examen macht noch keinen Arzt
Nun hat der Studicus mit heißem Bemühen die Medizin studiert. Doch ach - er ist weder Arzt noch Doktor! Wie kann das sein? Ganz einfach: Arzt ist, wer von der Gesundheitsbehörde dazu ernannt wird. Dieser bedeutsame Schritt hat natürlich einen großen Namen: Approbation. Den Doktortitel dagegen erhält der studierte Mediziner für eine wissenschaftliche Arbeit. Die erst trägt ihm den Titel „Dr. med.” ein. Zwar schmücken diese akademischen Buchstaben ungemein, doch praktischen Nutzen bringen sie nicht.

Mancher Arzt ist kein Doktor - und umgekehrt
So mancher Praxis steht tatsächlich ein Arzt vor, der - streng genommen - kein Doktor ist, weil er keine wissenschaftliche Doktorarbeit vorgelegt hat. Doch keine Sorge: Wo Arzt draufsteht ist auch Arzt drin. Und auch andersherum funktioniert der Irrtum: So mancher Doktor der Philosophie, der Juristerei oder gar der Ingenieurwissenschaft muß sich von den lieben Nachbarn ausführlich deren Zipperlein schildern lassen - wegen des „Dr.” an der Türklingel. Der lange Marsch zur Arztpraxis Nach erfolgreichem Studium stehen dem jungen Mediziner viele Wege offen. Wer eine eigene Praxis eröffnen möchte, muß sich zunächst weiterbilden. Der erste Schritt auf dieser langen Reise heißt „Arzt im Praktikum” kurz AiP: Da leistet der frischgebackene Mediziner eineinhalb Jahre die Arbeit eines Assistenzarztes - für immerhin ein Drittel von dessen Gehalt, etwas weniger noch als die Dame verdient, die das Krankenhausparkett pflegt.

 
 

Aus der Uni hinaus ins Leben
Ob Assistenzarzt oder Arzt im Praktikum - nun lernt er die Medizin aus einem anderen Blickwinkel kennen. Prioritäten setzen und Verantwortung übernehmen stehen auf der Tagesordnung, dazu die menschliche Seite der Auseinandersetzung mit Patienten und ihren Angehörigen. Darüber hinaus will ein Berg Papierkram bewältigt sein. Nicht ohne Grund wird ein weiser Professor mit den Worten zitiert, ein guter Arzt könne nur werden, wer 90 Prozent des anstudierten Wissens wieder vergißt! Nur welche 90 Prozent?

Zeit der Bewährung: Arzt im Praktikum
An Praxis fehlt es jetzt allerdings kaum mehr, denn die Ehre der oft unbezahlten Überstunden und nächtlichen Bereitschaftsdienste bereichern den Erfahrungsschatz. Das Wachbleiben für 36 Stunden am Stück - Tagschicht, Nachtschicht, Tagschicht - trainiert fürs Ärzteleben, entbindet aber nicht von der Pflicht zur Konzentration.

 
 

Zeit der Konzentration auf den Beruf
Zeitraubendem Familienleben braucht sich ein junger Arzt in diesem Lebensabschnitt oft nicht zu widmen. Gut so, denn dann bleibt schließlich auch an Samstagen und Sonntagen ausreichend Zeit, um auf der Privatstation des Chefs nach dem Rechten zu sehen - freiwillig natürlich und unentgeltlich.

 

Für den Patienten ist ein guter Assistenzarzt, wer:

ihm schnell hilft
ihn schnell heilt
ihm wenig Schmerzen bereitet (z.B. beim Blutabnehmen!)
ihn bald nach Hause entläßt
ihn ernst nimmt und
ihm zuhört.


Für den Oberarzt und den Chefarzt ist ein guter Assistenzarzt, wer:

schnell arbeitet
die Krankenhausbetten belegt hält
dem Oberarzt möglichst wenig Arbeit bereitet
dem Chefarzt obendrein die Arbeit bei Forschungsaufgaben abnimmt

 

Tingeln für den breiten Horizont
Und noch immer hat der Arzt nicht ausgelernt: Wer es zum Praktischen Arzt oder Arzt für Allgemeinmedizin bringen will, darf nunmehr einige Jahre in verschiedenen Abteilungen, wie zum Beispiel der Inneren Medizin, Kinderheilkunde oder etwa der Orthopädie als Assistenzarzt verbringen.

 
Auszug aus der Weiterbildungsordnung für Allgemeinmediziner:

Die Allgemeinmedizin umfaßt den gesamten menschlichen Lebensbereich, die Krankheitserkennung und -behandlung sowie die Gesundheitsführung der Patienten, unabhängig vom Alter, Geschlecht und der Art der Gesundheitsstörung. Die wesentlichen Aufgaben des Allgemeinarztes liegen daher in der Erkennung und Behandlung jeder Art von Erkrankungen, in der Vorsorge und in der Behandlung lebensbedrohlicher Zustände, in der ärztlichen Betreuung chronisch Kranker und alter Menschen, in der Erkennung und Behandlung von milieubedingten Schäden, in der Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen sowie in der Integration der medizinischen, sozialen und psychischen Hilfen für die Kranken und in der Zusammenarbeit mit Ärzten anderer Gebiete, in Krankenhäusern und Einrichtungen des Gesundheitswesens.
 
Weiterbildungszeit: 4 Jahre

davon:
1 1/2 Jahre Innere Medizin, davon mindestens ein Jahr im Stationsdienst. Hierauf können 6 Monate Weiterbildung in Anästhesiologie oder Arbeitsmedizin oder Haut- und Geschlechtskrankheiten oder Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Klinische Pharmakologie oder Laboratoriumsmedizin oder Neurologie oder Psychiatrie angerechnet werden.
1 Jahr Chirurgie. Hierauf können 6 Monate Weiterbildung in Frauenheilkunde oder Geburtshilfe oder Hals- Nasen- Ohrenheilkunde oder Orthopädie oder Urologie angerechnet werden.
6 Monate in einer Allgemeinpraxis
1 Jahr in der Allgemeinmedizin oder in einem anderen Gebiet nach freier Wahl
 

Fünf Jahre trennen Arzt und Facharzt
Wer sich stattdessen zum Facharzt weiterqualifizieren will, muß einen langen Katalog detaillierter Anforderungen erfüllen, bevor er diesen Titel zugesprochen bekommt. So muß etwa ein Chirurg eine schier endlose Flut von Operationen bewältigt haben, bevor er sich Facharzt für Chirurgie nennen darf - unter einigen Dutzend Schilddrüsen, Mägen und Därmen läuft da gar nichts.

Nicht jeder darf, der will
Gestärkt durch seinen umfangreichen Erfahrungsschatz darf sich ein Arzt anschließend niederlassen - nicht um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, sondern um eine Praxis zu gründen. Jedenfalls sofern ihn die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung läßt. Denn wenn das Boot voll ist, wenn also in einer Stadt schon eine bestimmte Zahl von zum Beispiel Hals-Nasen-Ohrenärzten praktiziert, darf kein neuer Kollege dieses Faches mehr dazustoßen.

 
 

Vom Arzt zum Betriebswirt
Wer eine Zulassung erhält, springt wiedermal ins kalte Wasser. Schnell nämlich stellt sich heraus, daß sich die Anforderungen an niedergelassene Ärzte von denen an Krankenhausärzte grundsätzlich unterscheiden. Neue menschliche Qualitäten sind gefordert, ein Studium der Betriebswirtschaft wäre jetzt angebracht. Kredite aushandeln, Kosten berechnen, Steuern planen und Personal führen - ein guter Arzt hat so die Chance, sich obendrein als begnadeter Ökonom zu beweisen, soll die wirtschaftliche Existenz seiner Praxis samt der seiner Angestellten von Dauer sein.

Die Praxis: Existenz für fünf bis fünfzig Menschen
Diese notwendige Doppelrolle von Arzt und Ökonom birgt indes so manche Zwickmühle. Denn eine Arztpraxis ist auch ein Wirtschaftsunternehmen, das samt Mitarbeitern im Normalfall fünf bis zehn Familien ernährt. Jede Stufe der Gesundheitsreform hat den Ärzten vor allem einen Berg zusätzlicher Reglements beschert. So ist es ja in Ordnung, daß Vitaminpülverchen und Abführmittel nicht leichtfertig verschrieben sein sollen. Aber natürlich hat jeder Patient Anspruch auf sorgsame Gespräche samt geduldiger Erläuterungen der vielen medizinischen Fachbegriffe und Sachverhalte.

 
  Zeit ist Geld, grad beim Arzt
Doch in der Praxis ist Zeit ein kostbares Gut, das die Krankenkassen bisher eher karg vergüten. Der Ökonom im Arzt müßte - streng genommen - die Beratungsgespräche eigentlich kurz und knapp halten. Ein klein wenig wurden die Beratungsgespräche in dem Raster der Arzthonorare zum Beginn des Jahres 1996 aufgewertet, so daß die kühle Kostenrechnung den Doktor nicht mehr ganz so arg hetzt.
 

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