Der Arzt: Aufzucht und Hege

Wer darf? Die Auswahlkriterien
Drangvolle Enge: das Studium
Die Ochsentour zur eigenen Praxis
In Saus und Braus: die eigene Praxis

 
 

Prestigeträchtiger Job
Spätestens im Kindergarten stellt sich dem Sprößling die Frage, ob er denn nun Lokomotivführer, Programmierer oder gar Arzt werden soll. Die Antwort fällt leicht, denn der Beruf des Mediziners steht hoch im gesellschaftlichen Ansehen.

 
 

So geködert erliegt schließlich mancher Abiturient den Verlockungen einer künftigen Existenz als vermeintlicher Halbgott in weiß und strebt prompt nach einem Studienplatz im Fach Medizin.

100.000 Mark pro Studienplatz
Studieren darf in Deutschland jeder, der die allgemeine Hochschulreife - in der Regel das Abitur - nachweisen kann. Theoretisch. In der harten Realität jedoch werden weitere Qualifikationen gefordert, und der Weg vom Wunsch zur Wirklichkeit kann dornenreich sein. Schließlich kostet ein komplettes Medizinstudium den Steuerzahler rund 100.000 Mark. (Nicht eingerechnet die Kosten für das Überleben des Studenten: Matratze, Müsli, Merkzettel.) Schon das macht Studienplätze rar.

Test-Behörde ZVS
So brauchen die frischgebackenen Abiturienten vor allem die Bereitschaft zu wiederholten Anläufen, um allen Auswahlverfahren zum Trotz irgendwann den ersehnten Platz im Hörsaal zu ergattern. Ihr unsichtbarer Gegner ist die zentrale Behörde ZVS (Zentrale Vergabestelle für Studienplätze), die anhand komplizierter Kriterien eine Rangfolge ermittelt, nach der die knappen Studienplätze verteilt werden. Wesentlicher Bestandteil des Auswahlverfahrens ist ein Test, der den Kandidaten vor allem logisches Denken und Begabungen für Naturwissenschaften abverlangt.

Logiktest für angehende Studenten

 
Aus dem Eignungstest für angehende Medizinstudenten:

Die elektrische Spannung U ist der Stromstärke I direkt proportional. Der Proportionalitätsfaktor ist der Widerstand R. Die elektrische Leistung P ist das Produkt aus Spannung und Stromstärke. Welches ist diejenige Formel für die Leistung, in der P nicht von der Stromstärke abhängt?

( A ) P = 1/R
( B ) P=U*U*R
( C ) P=U*R
( D ) P=U/R
( E ) P=U*U/R
 
Unverzichtbar: Fortuna und Enscheidungsfreude
Könnte man bei dieser Frage noch den Vorwurf gestatten, sie sei realitätsfern, so trifft dies auf das folgende Beispiel ganz bestimmt nicht zu: Nur scharfes Nachdenken, ein Sammelsurium von Vorwissen, eine Portion Fortuna, die Einsicht, daß es keine zwei richtigen Antworten geben kann, und Entscheidungsfreude helfen da weiter - Tugenden, die ein junger Arzt selbstverständlich braucht.
 

Ärztliche Tugenden im Test


Ein ca. 70 KG schwerer Mann hat nach einem Verkehrsunfall Fahrerflucht begangen. Zweieinhalb Stunden nach dem Unfall wird bei ihm ein Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille gemessen. Wie hoch war der Alkoholspiegel zur Unfallzeit ungefähr?

( A ) 0,75 Promille
( B ) 0,80 Promille
(C ) ( 0,95 Promille
( D ) 1,15 Promille
( E ) 1,35 Promille
 

Punktesammeln für das Auswahlverfahren
Doch der Test ist nicht alles: Rund die Hälfte der Medizinstudienplätze vergibt die Behörde aufgrund einer Kombination aus Testergebnis und Abiturnote. Wer also nicht gerade das Talent zum geborenen Testsieger hat, sammelt besser zeitig Punkte für ein wirklich brillantes Abitur, beispielsweise beim Schulsport oder im Werkunterricht.

Arztberuf nicht erblich
Kandidaten, die hier passen müssen, können in einem Auswahlgespräch die Medizinprofessoren von ihrer Motivation für das Medizinstudium überzeugen. Da sich dieses Verfahren stark auf subjektive Einschätzungen verläßt, zischeln böse Zungen frech, es sei nicht von Nachteil, wenigstens einen Elternteil in der Branche zu haben. Wäre auch nur ein Fünkchen Wahrheit darin, hieße das, der Beruf des Mediziners sei erblich. Absurd.

 
 

Doch keine Angst, wer noch immer nicht am Ziel ist, dem stehen weitere Wege offen. Wen besondere Lebensumstände von einer Reifeprüfung mit Prädikat abgehalten haben, kann die Zulassung zum Studium als Härtefall beantragen. Das erforderliche psychologische Gutachten kostet allerdings ein paar Mark.

Viele Wege führen zum Studienplatz
Hat alles bisher nicht gefruchtet, bleibt noch der Weg zum Gericht mit der sogenannten Kapazitätenklage: Wer kein anderes Lebensziel kennt als unbedingt im weißen Kittel herumzulaufen, schlachtet also sein Sparschwein und mietet sich einen Anwalt. Der erstreitet seinem Mandanten die Zulassung zum Medizinstudium mit der Begründung, es sei noch Platz für einen weiteren Studenten an der medizinischen Fakultät. Die Uni kann den Gegenbeweis kaum antreten, verliert den Prozeß und muß ihre Tore ein weiteres Mal öffnen.

Als Studienflüchtling ins Ausland
Bleibt sogar dieser Weg verschlossen, ist immer noch nicht aller Studien Abend: Die Welt ist groß und auch in fremden Ländern kann man Medizin studieren. Also: täglich zwei Stunden Anatomie in einem Moskauer Hörsaal, Biochemie auf ungarisch oder eine mitreißende Krankengeschichte in flämisch... Der medizinische Fachjargon umfaßt ohnehin Elemente vieler Sprachen.

 

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